| Jener
Fehler, die Irrationalität in der pythagoreischen
Intervallbestimmung wurde schon zu Lebzeiten von den Schülern des Pythagoras
diskutiert. Seit jener alten Zeit ist die Musiktheorie geprägt entweder
durch eine empiristische oder dann eine mathematizistisch-rational-berechnende
Distanzierung von Pythagoras, wobei nicht ohne weiteres erstens diese Tendenzen
voneinander unterscheidbar sind und zweitens, damit zusammenhängend,
es nicht eigentlich klar ist, was genau der Empirismus in der antiken und
mittelalterlichen Akustik gewesen war einer der Augen und/oder einer
der Ohren werden doch die physikalischen Apparaturen zur Messung
der Frequenzen und der genauen Hörbarmachung der Obertöne erst
im 19. Jahrhundert konstruiert.
|
| |
| Alle
Intervallbestimmungen, die nicht-pythagoreisch und nicht-temperiert sind,
heißen rein, mathematisch-rein oder natürlich-harmonisch. Wie
die pythagoreischen sind auch diese in allen sog. Hochkulturen anzutreffen;
besonders wild abgehandelt und nicht selten auch ins Absurde getrieben wurden
sie im europäischen Mittelalter, in der Scholastik.
|
|
| Entscheidend
ist bei allen diesen Berechnungen bzw. Stimmanweisungen (für Orgeln
und Klavichorde) der Miteinbezug der Terzen. Hat man auf dem Monochord mit
der 1 Meter langen Saite die Intervalle der Oktave, der Quinte und der Quart
bestimmt, als 1:2, 2:3 und 3:4, also 50 cm, 66, cm
und 75 cm, dann findet man auch das ebenso angenehme und leicht zu singende
Intervall der großen Terz erstaunlicher Weise in einem ganzzahligen
Bruch, als 4:5.
|
| |
 |
img0000000582
|
|
| |
|
das
könnte langsam zu denken geben. Und in der Tat ist dies die Reihenfolge
der Obertöne, die nichts anderes sind als die unendliche Vervielfachung
der Grundfrequenz (in Hz): 1f, 2f, 3f, 4f, 5f, 6f etc.; die Intervalle zwischen
den Obertönen als
|
| |
 |
img0000000583
|
|
| |
| bilden
dann diejenigen Verhältnisse, deren arithmetische Abweichungen voneinander
regelmäßig kleiner werden als 1:1, 1:2, 1:3, 1:4, 1:5, 1:6, 1:7
etc.
|
| |
| Die
Obertonreihe erscheint somit beinahe ähnlich einer Grenzwertkurve,
bei der die einzelnen Schritte immer kleiner werden: 6:7 bis 11:12
sind Ganztonschritte, dann folgen Halbtöne, die immer weiter ins Mikroskopische
abdriften selbstverständlich sind diese Obertöne, mathematisch
beschreibbar, empirisch nur mit modernen Apparaturen hörbar zu machen.
|
|
| Man
sieht jetzt die Ähnlichkeit der Ton- mit der Raumdistanz: ein ganzzahliges
Vielfaches einer Frequenz führt diese zu einem nicht recht wahrnehmbaren
Grenzwert wie sich die Messdistanz, der Meter, in der räumlichen Weite
verliert. Wissenschaftshistorisch ist gänzlich der Problemhorizont
der Neuzeit maßgebend: Leibniz und Newton.
|
|
| Neben
der Terz bleibt als Intervall noch die Sekunde; diese hat schon Pythagoras
als das Intervall zwischen der Quarte und der Quinte bestimmt,
|
| |
 |
img0000000584
|
|
| |
| das
Resultat ist im übrigen identisch mit der oben angewandten Rechnung
2/3 +2/3 1/2 (Quinte mit Oktavtransponierung), also
|
|
2/3
x 2/3 x 2/1 = 8/9.
|
| |
| Die
natürlich-harmonische Stimmung lautet nun C D E F G . . c als Abfolge
der Intervalle bezüglich des Grundtons: |
| |
 |
img0000000585
|
|
| |
| Werden
diese Intervalle voneinander abgezogen, ergeben sich folgende Ganz- und
Halbtöne:
|
| |
 |
img0000000586
|
|
| |
| Auch
diese reine Tonreihe hat also, sichtbar in der begrifflichen Unterscheidung
ihrer Ganztöne, einen Fehler: ein Komma. Es ist der Abstand zwischen
dem großen und dem kleinen Ganzton, DE |
| |
 |
img0000000587
|
|
| |
| Dieses
syntonische oder diatonische Komma beträgt 21,506 Cent.
|
| |
| Es
ist vor allem diese Entdeckung, die in außereuropäischen Tonsystemen
Antrieb zur Besonderung war, wie im indischen zur Definierung der Shrutis.
Doch sind in diesen Systemen die Äquidistanzen nur ideell, nicht reell.
Denn wenn die Oktave, um beim indischen Tonsystem zu bleiben, aus 22 Shrutis
besteht, dann ergeben
|
| |
 |
img0000000588
|
|
| |
| keineswegs
eine Oktave, aber der konstatierbare Unterschied erlaubte offenbar bereits
doch die konzeptuell verbindliche Postulierung von 4 Shrutis für den
großen Ganzton, 3 für den kleinen, 2 für den Halbton. (Die
Äquivokation im Begriff Shruti sei hier vorweggenommen: a) kleinste
hörbare Tondifferenz, b) kleinste Maßeinheit des Tonsystems,
c) Einheit des Tonsystems selbst, also jedwelcher Ton.) |
| |
| Bei
der hier erfolgten Konstruktion der natürlich-harmonischen Reihe fehlen
noch die Töne des oberen Tetrachords A und H mit den Intervallen eines
großen Ganztons, eines kleinen und eines Halbtones. Soll die Sext
möglichst rein klingen, wird zwischen G und A der kleine Ganzton platziert,
9/10 dann der große für H mit dem nachfolgenden Halbtonschritt,
15/16. |
| |
| Bezüglich
des Grundtons bildet die Sext den Bruch |
| |
 |
img0000000589
|
|
| |
| die
Septime |
| |
 |
img0000000590
|
|
| |
| Die
Folge der Unterschiedlichkeit der Ganztöne bewirkt, dass die Quinte
DA äußerst dissonant klingt:
|
| |
 |
img0000000591
|
|
| |
| Da
wie oben angetönt es nicht möglich ist, aus ganzzahligen Brüchen
die Wurzel zu ziehen, gibt es keine reinen Halbtöne, deren Summe ein
Ganzton wäre:
|
| |
 |
img0000000592
|
|
| |
| Umgekehrt
liefert die Natur in den Obertönen eine Fülle von Mikrointervallen,
deren Schatz in der Computermusik nur endlich gehoben werden müsste.
|