Afrikanische Einflüsse

in Brasilien

zurück: inhaltsverzeichnis
von dr. memo g. schachiner
ihre meinung/ fragen zu dieser seite? (forum)
kontakt
home
start: 10 mai 2004, up-date: 10 mai 2005
Afrikanische Einflüsse in Brasilien
 
Capoeira entstand durch die Verformung der afrikanischen Traditionen unter besonderen sozio-kulturellen Umständen in Brasilien.
Der grosse Einfluß Afrikas, insbesondere Angola´s auf die Folklore Brasiliens ist allgemein bekannt.
Dieser Einfluss ist vor allem auf dem kinetisch-motionalen Bereich zu beobachten.
"Wie Olly Wilson in einem Vortrag beim Panel »African roots of music in the Americas« (Chairman: Gerard Behague) beim 12. Kongress der International Musicological Society in Berkeley, 21.-27. August 1977, feststellte, liegt der wichtigste bis heute erhaltene Beitrag Afrikas zu den afro-amerikanischen Kulturen im kinetisch-motionalen Bereich." Kubik, 1991, S.116, B5442B
In diesem Bereich gehören die Folguedos zu einer breit gefächerten Topoi.
 
Folguedos
 
Der Begriff "Folguedos" stammt von Rossini Tavares de Lima.
"»Folguedo« ist eine Art historisches Tanzdrama oder populäres Theater, Tanztheater; eine öffentliche, nicht selten mit einem Umzug verbundene dramatische Aufführung, in der Reminiszenzen von Episoden und Ereignissen der fernen Vergangenheit festlich gestaltet werden. Eine ausführliche Beschreibung von »folguedos« findet man bei Tavares de Lima 1962." Bereits zitiert in: Kubik, 1991, S.114, B5442B
Die Erscheinungsformen der Folguedos sind sehr vielfältig: Maracatú, Mocambique, Bumba-meu-Boi, Congada...
Weitere Erscheinungsformen der afro-brasilianischen Darstellungskünste, nämlich die Tanz-Kampfspiele wie Makulelê und Capoeira gehören auch zu dem kinetisch-motionalen Bereich.
 
Maculelê
 

"Maculelê ist ein Kampfspiel mit Stöcken, das von Jugendlichen ausgeübt wird. Während eine größere Gruppe der beteiligten Jungen einen Kreis bildet und die Holzstäbe als Gegenschlagstäbe rhythmisch aufeinanderschlägt, fingieren zwei Partner mit ihre Stöcken vor den anderen einen Kampf. Das Ganze wird meist von zwei hohen Trommeln begleitet, wobei die eine aufrecht steht und mit der rechten Hand in einem durchlaufenden Beat angeschlagen wird; die zweite liegt auf dem Boden, der Ausführende hockt auf der Trommel und spielt Passagen mit beiden Händen. (Feldaufzeichnungen SalvadorlBahia, 6. Okt. 1975.)" Kubik, 1991, S.128, B5442B

..."Maculelê gilt in Bahia als »Tanz afrikanischen Ursprungs«. Er soll sich in Santo Amaro, im Bundesstaat Bahia, zu seiner heutigen Form entwickelt haben." Kubik, 1991, S.128, B5442B
Aloysio de Alencar Pinto schreibt auf dem Umschlag einer Schallplatte, welche am 4. Juli 1957 von ihm und Allan Lima aufgenommen wurde, dass Maculelê "am 2. Februar 1944 von Paulino Aloisia Andrade kreiert" worden sei. Schallplatte Maculelê

Bereits 1986 ortet Tiago Oliveria Pinto den Makulelê als Vorstufe einer späteren Capoeira Schulung.
Auf Grund seiner langjährigen Beobachtungen in Angola und Brasilien bestätigt auch Kubik diese These. Er führt als Argument vor allem die Stabilität der motionalen Patterns in dem Bewegungsrepertoire der schwarzafrikanischen Tänze an. Kubik, 1991, S.129-130, B5442B
"Meine eigenen Eindrücke von Maculelê und dessen kinetisch-motionalen Aspekten legen dessen stilistische Zuordnung in das Angola-Kulturgebiet nahe." Kubik, 1991, S.129, B5442B
 
Also ist der Ursprung des Makulelê viel weiter als zum Jahr 1944 zurückzuführen.
Die Spuren der Stocktänze können wir in Afrika bis zur Antike verfolgen.
Die Gruppe dieser wahrscheinlich aus dem Sudan kommenden Neger besteht aus drei sich zur Musik wiegenden Stocktänzern und einem Trommler.
...Der Musiker spielt auf einer jener großen, aus Holz oder Bronze angefertigten und beidseitig bespannten Faß- oder Walzentrommeln, die von ägyptischen Militärmusikern, an einem Riemen über die Schulter gehängt, in horizontaler Lage getragen werden.
Ganz seinem Temperament entsprechend, hält hier dagegen der Negertrommler sein Instrument schräg nach oben gerichtet.
Aus der Zeit des Tut Anch Amon, gegen 1350, img0000000011
 
"In ihren gegenwärtigen Erscheinungsformen sind Capoeira und Maculelê stilisierte Tanz/Kampf-Spiele, wobei im Falle der Capoeira sich zwei Gegner in akrobatisch wirkenden und überaus harmonisch auf die begleitende Musik abgestimmten Figuren (»golpes«, wörtlich: Schläge, Hiebe) scheinbar ständig attackieren und gegeneinander verteidigen, ohne sich jedoch zu berühren. In der Konzeptualisierung der Träger dieser Tradition handelt es sich um ein Spiel; keinen Tanz, man sagt »O jogo de Capoeira« und nicht »a dancsa«." Kubik, 1991, S.128, B5442B
 
Die ursprünglich revolutionäre Karaktere der Tanz-Kampfspiele
 
Die Folguedos gehören in ihrer Eigenschaft zu den Traditionen, die die ursprünglich afrikanische Volkszugehörigkeit der Sklaven in Brasilien weiter erhielten.
Die Tanz-Kampfspiele haben in ihrem Ursprung zusätzlich eine revolutionäre Eigenschaft.
Auf überraschenden Grundlagen beruhen auch die afro-brasilianischen Kampfspiele »Capoeira« und »Maculelê«. Auch diese waren ursprünglich eine wichtige Domäne des Ausdrucks brasilianischer Resistenz gegenüber der Sklaverei; hier wurde zunächst allen Ernstes, auf der Basis von Ausbildungstechniken der männlichen Jugend, die aus west-zentralafrikanischen Initiationsschulen (mukanda, ekwenje etc.) und traditionellen Zweikampf-Techniken von den Sklaven erinnert wurden, die Möglichkeit von Aufständen erprobt. Kubik, 1991, S. 127- 128, B5442B

Ebenso wie das Weiterbestehen der verschiedenen afrikanischen Vokabulars in Brasilien, war Capoeira ein Produkt psychologischer Resistenz gegen die Sklavenhalter und Kolonisatoren. Mittels der Sprache war es möglich, sich ohne Wissen der Senhores zu verständigen. Durch das geheime, waffenlose Training, genannt Capoeira, eröffnete sich die wenn auch utopische Möglichkeit eines generellen Aufstandes. Nur nach außen hin waren die Angolaner jene dozilen und sich unterordnenden Menschen, wie sie in der zeitgenössischen Literatur (vgl. Koster, Rugendas, Debret etc.) beschrieben wurden. Den Angolanern scheint eine tief im Innern verwurzelte Kultivierung eines schwarzen Bewußtseins in Brasilien sogar besser gelungen zu sein als den Westafrikanern, die eher offenen Widerstand zeigten. Dort wo Capoeira in den Untergrund gedrängt wurde, oder wo der wahre Charakter dieses Kampf-Trainings versteckt werden mußte, erfand man entsprechende Verhaltensweisen, um es jederzeit in ein harmlos aussehendes Tanzspiel zu verwandeln. Kubik, 1991, S. 133, B5442B

Obwohl in Brasilien weder eine Revolution noch eine allgemeine Sklavenaufstand statt fand, übten die Sklaven insgeheim für die Stunde X.
Initialisationsschulen
 
Die traditionelle Beschneidung der Sklavenjungen angolanischer Herkunft wurde in Brasilien von ihren Besitzern untersagt.
Jedoch die traditionellen Erziehungsweisen der Initialisierungsschulen in Angola, die die Jungen als "Männer" zur Initialisierung vorbereiteten, wurde von den Sklaven auch in Brasilien weiter geführt.

"Der Altersklassen-Charakter von Maculelê ist in vielen Elementen offensichtlich. Abgesehen vom physischen Alter der ausübenden Jungen, auch darin daß Maculelê als Vorstufe einer späteren Capoeira-Schulung gilt, wie de Oliveira Pinto (1986a: 150) bestätigt. Maculele ist viel zu wenig untersucht worden. Aber es scheint sich, abzuzeichnen, daß bei diesem Spiel der Jungen zwei Kulturkomplexe aus Angola und angrenzenden Gebieten eine brasilianische Fortsetzung gefunden haben:

a) Die Erinnerung an die Intitiationsschulen, die nicht nur vom Vorhandensein der Gegenschlagstäbe und dem Alter der Jungen suggeriert wird, sondern auch im Bund- und Assoziationscharakter von »Maculele«, ebenso wie der nächsten erzieherischen Stufe, Capoeira, zum Ausdruck kommt. Bei der Capoeira heißen diese Vereinigungen »academias«, ein Begriff, der nicht zufällig aus dem edukativ-pädagogischen Wortschatz des Brasilianischen entnommen ist." Kubik, 1991, S. 130- 131, B5442B
"(...) b) Die Erinnerung an Stockkämpfe, wie sie besonders im Süden von Angola vorkommen, unter anderem bei den Nkhumbi und -Handa in der Provinz Wila (Hufla) im Kampfspiel namens mpoko, so wie ich es in dem Dorf Katengeta 1965 dokumentieren konnte. (Vgl. Aufnahmen im Phonogrammarchiv Wien, B 10072, sowie 8-mm-Film X I, Privatarchiv Kubik.) Zwei Gruppen von Männern stellen sich dabei in Frontreihen einander gegenüber auf. Aus diesen treten zwei mit Stöcken bewaffnete Männer in die Mitte und beginnen den Kampf, während die anderen Beteiligten mit den Händen klatschen." Kubik, 1991, S. 131, B5442B