Besuch im Kloster

der Mechitaristen

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Dr. Memo G. Schachiner
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start: 28 august 2001, up-date: 31march 2006
 
Die Mechitaristen
 
Auf ihrer Wanderung in der Weltgeschichte war eine religiöse Gemeinschaft in drei historischen Musikmetropolen zu Hause:
In Konstantinopel, in Venedig und in Wien.
Man nennt sie "Die Mechitaristen".
Auf meiner Suche nach den musikalischen Mediatoren zwischen den Habsburgern und Osmanen kam ich bald auf sie.
Die Mechitaristen Congregation ist in meiner Nachbarschaft:
Mechitaristengasse 4, im 7. Wiener Gemeindebezirk.
Ich vereinbarte einen Termin und besuchte Ende Juni Vater Vahan im Kloster.
Der sehr bescheiden, aber seiner alten Kultur sehr bewußt wirkende Geistliche empfing mich, den ewig neugierigen Besucher, mit der tradierten armenischen Gastfreundschaft und Weltoffenheit.
Bald stellen wir fest, daß wir fast Landsmänner sind:
Seine Eltern sind in Kamischli geboren. Also in einem heute kurdisch bewohnten und nach dem ersten Weltkrieg der "Republik der Türkei" zugeteiltem Gebiet.
Im Wandel der Zeiten
Vater Vahan erzählt:
"Am 8. September 1701 gründete der Mechitar von Sebaste (geb. 1676) in Konstantinopel einen neuen Orden."
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"Die Behörden in Konstantinopel machten es den Brüdern nicht leicht. So tarnten sich die Mechitaristen als Personal einer Druckerei. Am Tag betrieben sie ihre Druckerei, am Abend aber, nach Betriebsschluß, wendeten sie sich ihrem Gebet zu."
Ich frage ungeduldig:
"Haben die Brüder damals auch gesungen?"
"Selbstverständlich"
"Was?"
"Sicher armenisch."
"Auch Instrumente?"
"Wer spielen konnte, hat gespielt."
"Was?"
"Was damals in Konstantinopel als Musikinstrument gängig war."
"Das heißt, auch später in der Wiener Kirche..."
"Am Anfang war nur der Gesang gestattet. Später wurde auch Orgel zugelassen."
"Heute?"
Vater Vahan lacht glücklich:
"Heute gibt es keine Beschränkung. Wir haben Leute, die gut Saxophon spielen."
Ein oft gegangener Weg, denke ich mir. Viele Gebetshäuser der verschiedenen Religionsgemeinschaften folgten dem Weg der musikalischen Vielfalt. Ich wünsche mir, daß auch die verspäteten nachkommen werden.
Vater Vahan erzählt weiter:
Die armenischen Benediktiner
"Das Leben wurde für die Brüder von Tag zu Tag schwerer.
Schließlich nahm der Stifter und Abt Mechitar seine Brüder mit und verließ das osmanische Reich.
Das Ziel war Peloponnes. Dort errichteten sie ein armenisch- benediktinisches Kloster.
Papst Klemens XI. bestätigte sie als "Benediktiner". Seit dem heißen die Mechitaristen zu Recht auch "armenische Benediktiner"."
Was spielte sich in Peloponnes ab? Was brachten die Mechitaristen dort musiklaisch ein und was nahmen sie in sich auf?
Dazu später!
Nächste Station
Im Wandel der Zeiten wanderten die Mechitaristen weiter:
Nächste Station war San Lazzaro, eine der kleinen Inseln Venedigs. Die unermüdlichen Brüder gründeten auch hier ein Kloster.
1773 trennte sich ein Teil der Mönche vom Stammhaus in Venedig. Sie ließen sich in Triest nieder.
Triest wurde 1797 und 1805 von den französischen Truppen besetzt. Und siehe, Triest war damals innerhalb des habsburgischen Territoriums.
Mit der Besatzung verloren die Mechitaristen all ihre Hab und Gut. So blieb ihnen nichts übrig, als in Wien Asyl zu suchen.
Schließlich hatten sie mehr Glück als manche anderen Verfolgten im heutigen Wien:
Mit einem Kabinettschreiben vom 5. Dezember 1810 nahm Kaiser Franz I. die vertriebenen Patres in der Residenzstadt auf.
Ihre erste Unterkunft war das verlassene kleine "Kapuziner Kloster" am Platzl in der Vorstadt St. Ulrich.
1837 wurde das heutige Kloster nach den Plänen des bekannten Architekten Joseph Kornhäusel errichtet.
Das Kloster und die Kirche
Der Entwurf der in dem Klosterbau integrierten Kirche stammt aus der Feder des Camillo Sitte.
Der Seitenaltar, der Gregor dem Erleuchter gewidmet ist, wurde vom Architekten des Wiener Parlaments, Teophil von Hansen geschaffen.
 
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Die Druckerei
Die fleißigen Mechitaristen gingen auch in Wien ihrem alten Gewerbe nach: Sie errichteten auch hier eine Druckerei.
Heute ist die Druckerei volkommen modernisiert und profitiert besonders von der Offenheit gegenüber den Orientsprachen:
Unter anderem gehören armenische, griechische und arabische Schriften zum Standard- Repertoire der Druckerei.
Was liegt näher als eine Bibliothek und ein Museum in so einem Schrift- und Kultur gebundenem Orden?
Bibliothek und Museum
In der Bibliothek sind 170.000 Bände!
Darunter sind 2600 armenische Handschriften. Die Älteste stammt aus dem 9. Jahrhundert.
 
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Im Museum befinden sich neben den Raritäten der Volkskunst, Keramiken, Silberschmideabeiten, sakrale Kunst, bedeutende Werke der armenischen Malerei, auch eine armenische Münzensammlung, dessen ältestes Exemplar im 4. Jh. v. Chr. geprägt wurde.
Ich habe mich entschlossen, eine glückliche Zeit meines Lebens in diesem Museum (für mich eine Schatzkammer) zu verbringen.
Der Bruder, der die Schlüsseln zu der Schatzkammer trägt, spricht besser kurdisch als ich. Ich darf ihn jederzeit anrufen.
Sonntagsmesse
Wer noch Lust hat, diese aus der "Ferne" kommenden Wiener Christen zu besuchen, kann nach jeder Sonntagsmesse mit einem heißen armenischen Kaffee rechnen.
Das gleiche Gesöff kann man/frau bei mir als – je nach Anlass- griechischen oder kurdischen Kaffee trinken. Dieselbe Gattung ist in Wien auch als "türkischer Kaffee" bekannt.
Wie fremd und wie verwandt sind unsere Kulturen!
Nach dem Kaffee werde ich über die Liturgie der Mechitaristen berichten...