II. Abschnitt

Zur Notation

des Devri Kebir, 1.

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von dr. heinz - peter seidel
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start: 08 may 2006, up-date: 08 may 2006
Für den sinnvollen Umgang mit den im 1. Abschnitt vorgestellten Bezeichnungen gilt die Voraussetzung, daß ein rhythmisches Muster 'Usul' entweder bekannt oder aufgezeichnet, also notiert ist. Unsere Untersuchung ist nur durch die Vorlage des letzteren Falles möglich. Tatsächlich erscheint der Usul Devri kebir in der Literatur vergleichsweise häufig mitgeteilt, so daß sich durch Vergleich bestimmte Aussagen machen lassen. Nicht nur ist der Devri kebir aber in unterschiedlichen 'Notationsarten' mitgeteilt, sondern scheinbar auch in verschiedenen 'Gestalten'. Die Tatsache, daß verschiedene Arten der Notation denselben Sachverhalt ausdrücken, verlangt prinzipiell nur eines: daß in jedem Falle der Sachverhalt klar erkennbar ist. Die scheinbare Existenz verschiedener 'Gestalten' des Devri kebir hat seinen Grund darin: das Gerüst dieses Usul ist durch die verbindliche Anzahl und 'Größe' und die festgelegte Abfolge seiner Sektionen bestimmt; die Sektionen aber sind, wie wir gezeigt haben, zu komplettieren. In den verschiedenen Notationen des Devri kebir sind einige Sektionen ausnotiert, andere hingegen nicht. Das heißt, daß die 'Gestalt' des Usul gleichbleibt, seine Aufzeichnung dagegen verschiedene 'Lesarten' wiedergibt, die mehr oder weniger vollständig sind.
 
Die Tabelle am Schluß der Arbeit zeigt, vertikal durchnumeriert, zwölf verschiedene Lesarten des Devri kebir. Die Textstellen, denen sie entnommen wurden, sind auf der letzten Seite neben der Tabelle belegt. In unserem Text beziehen wir uns der Einfachheit halber auf die Nummer der jeweiligen Lesart, wie sie aus der Tabelle hervorgeht; auch in Verbindung mit dem Namen des Autors, der eine Lesart mitteilt, zum Beispiel: 'Öztuna (Tabelle: 10)'. Einige Lesarten, die in die Tabelle nicht aufg nommen worden sind, unterscheiden sich lediglich durch eine andere Art der Notation und haben auf unseren Versuch, die vollständige Gestalt des Devri kebir in den Peþrev der Mevlevi dingfest zu machen, keinen Einfluß. Werden sie zu Vergleichszwecken, die dann hauptsächlich die Frage der Notation berühren, herangezogen, so erscheinen sie im fortlaufenden Text als 'Notenbeispiel 1' ('NB 1') und so fort zitiert.
 
Auf den horizontalen Linien der Tabelle ist jeweils eine Lesart des Devri kebir notiert. Das Verhältnis der Notenwerte zueinander ergibt sich aus der von den Autoren angegebenen Vorzeichnung: 14/4, 14/2, 28/4. Die vertikalen Linien teilen die Lesarten in vierzehn gleiche 'Distanzen' von relativer Zeitdauer, die zum leichteren Lesen der Tabelle zwischen den Lesarten 1) und 2) sowie 9) und 10) durch arabische Ziffern von 1 bis 14 waagerecht eingefügt sind. Die Darstellung in dieser tabellarischen Form erlaubt, die Lesarten im Verhältnis 1: 2: 4 beliebig zu vergleichen. So ist zum Beispiel an der ersten senkrechten Spalte (Distanz 1) abzulesen, wie das erste 'düm' im Devri kebir als Sektion notiert und strukturiert sein kann und so fort.
 
Für die Usul-Gestalt ist gleichgültig, in welcher Zeit sie realisiert wird, welcher Zeitwert - ausgedrückt durch den ebenfalls relativen Wert einer Zahl oder Note - als messendes Element dem Usul zugrunde gelegt wird. Die Möglichkeit, die Zählzeit als messenden Bezugswert relativ zu belassen, geht aus einem Zitat von Thibaut (1906, S. 385) hervor:
"La temps premier adopté pour la composition d'une mélodie quelconque ayant la valeur conventionelle d'une noire, le vers musical renferme-t-il 6,9,12,13, 16, 2, 60, 64 et jusqu'à 88 fois cette valeur, la mésure de cette mélodie est le 6/4, le 9/4, le 12/4, le 13/4, le 16/4, le 28/4, le 60/4, le 64/4, voire le 88/4.
Le temps.premier adopté étant la croche, le vers musical renferme-t-il 7, 8, 9, 10 fois cette valeur, la mésure de la mélodie est le 7/8, le 8/8, le 9/8, le 10/8, etc."

 

Indem wir die Frage nach der Verbindlichkeit eines in seinen Zeitwerten augmentierten oder diminuierten Devri kebir vorerst außer acht lassen, können wir die Vorzeichnungen 14/4, 14/2, 28/4 und ihre Interpretationen ebenso übergehen, und wenden uns der Betrachtung der Lesarten zu.
 
Die Darstellung des Devri kebir von Haydar Sanal (Tabelle: 12) gibt neben der Anordnung der Sektionen lediglich deren zeitliche Relationen ohne verbindlichen Bezugswert an. Die gleichen Informationen erhaltern wir aus der Klassikerausgabe (Tabelle: 1), wo indessen die Zählzeit vorgegeben ist. (1) Zusätzlich weist die Kaudierung der Noten auf die Zuordnung der Sektionen zur rechten oder linken Kudüm hin. Nun dient an dieser Stelle in der Klassikerausgabe die eben beschriebene Lesart (Tabelle: 1) dazu, unterhalb ihrer den ausnotierten Usul zum Vergleich entgegenzustellen:
Notenbeispiel 1
 
 
 
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Die „Anordnung der Sektionen auf der obersten Waagerechten ist als "Asli zarplar" gekennzeichnet, was sinngemäß als 'ursprüngliche, eigentliche Schlaganordnung' zu übersetzen wäre. (2) Die von dieser Grundform herabführenden Schrägstriche klammern die den Sektionen entsprechenden Zeitwerte als strukturelle Momente der - mehr oder minder - vollständigen Gestalt des Usul ein. Diese ist notiert auf zwei Linien, von denen die obere die "sag kudüm" (= "rechte Kudüm"), die untere die "sol kudüm" (= "linke Kudüm") vertritt. Die auf der oberen Linie nach oben kaudierten Zeitwerte mit den Abkürzungen 'D' und 'd' sind 'düm'-Schläge auf die rechte Kudüm; die Zeitwerte auf der unteren Linie mit den ablesbaren Abkürzungen repräsentieren die 'tek'-Schläge. Dabei wird deutlich, was im ersten Abschnitt bezüglich der unterschiedlichen Bedeutung von 'düm' und 'tek' gesagt worden ist: ob mit der gleichen Bezeichnung eine Sektion oder ein Unterteilung schlag gemeint ist. Doch wird man bei unserem Notenbeispiel dieses Problems enthoben: die Schlaganweisungen aus der Klassikerausgabe lassen nur eine mögliche Realisation des hier abgekürzt mitgeteilten Beispieles zu.
 

An dieser Stelle seien zwei Bemerkungen eingeschaltet:

 
1. Im I. Abschnitt wurde eingangs die Bezeichnung 'düme' (Abkürzung: 'd - m') als 'Sonderfall' aufgeführt. Eine Erklärung dazu haben wir bislang aufgespart, weil uns das 'düme' ausschließlich aus der Klassikerausgabe bekannt ist. Für die Herkunft dieser Bezeichnung haben wir keinerlei Anhaltspunkte bekommen können. Vermutlich aber haben die Autoren, welche den besagten Text in der Klassikerausgabe verfasst haben, in dem Bestreben, die Schlaganweisungen absolut und eindeutig zu determinieren, das 'düme' zur Kennzeichnung eines bestimmten Sachverhaltes eingeführt. Wie gezeigt werden wird, tritt das 'düme' nie als Sektion auf. Vom Namen her ist es zweifellos eine Ableitung von 'düm', darf daher als dem Bereich des 'düm' zugehörig gelten. Das 'düme' erscheint im zitierten Notenbeispiel (NB 1) als die vorletzten zwei Achtel in der Abfolge 'd' = die rechte Hand schlägt die rechte Kudüm und 'm' = die linke Hand schlägt die linke Kudüm. Genau so lautet auch die Schlaganweisung in der Klassikerausgabe.
 
2. Im Gegensatz zu 'Asli zarplar', der 'Grundform' des Usul, ist im Notenbeispiel der auf zwei Linien ausnotierten Gestalt des Usul das Wort "velveleler" vorangestellt. Das Problem des 'velvele' wird im nächsten Abschnitt gesondert behandelt werden. Wenngleich wir in diesem bereits mit Beispielen des Devri kebir umgehen, die der 'Vorschrift des velvele' unterliegen, kann die Problematik einer Vorschrift doch abgelöst betrachtet werden von den Erscheinungsformen, die sie bewirkt.
 

Das zweite Notenbeispiel zeigt den Beginn des Devri kebir, wie ihn Kurt Reinhard notiert: (3)

Notenbeispiel 2
 
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Reinhard bemerkt dazu:
"Die tiefen Hauptschläge liegen in unserer Darstellung unter, die höheren Nebenschläge über dem Strich. Die Gliederung nach Art eines 4/4-Taktes soll in erster Linie den Überblick erleichtern, sie ist aber doch nicht ganz willkürlich, denn die Becken werden ganz regelmäßig auf die ersten und dritten Viertel dieser Pseudo-Takte geschlagen." (4)
 
Es handelt sich bei diesem Beispiel um die gleiche Usul-Gestalt wie in NB 1, das heißt, die Disposition der Notenwerte ist in beiden Beispielen identisch. Die Zuordnung der Schläge des 'düm' und des 'tek' geht aus NB 2 eindeutig hervor. Im Vergleich zu NB 1 entsprechen hier die nach oben kaudierten Werte mit dem Notenkopf unterhalb der Waagerechten dort der oberen Linie ("sag kudüm"); die nach unten kaudierten Werte mit dem Notenkopf oberhalb der Waagerechten entsprechen der unteren Linie ("sol kudüm") in NB 1. Was die Ausführung der einzelnen Schläge anbelangt, so ist eine Differenzierung in der Notation des NB 2 nicht ersichtlich.
 
Für die bessere Übersicht in unserer Tabelle haben wir die Beispiele 1) bis 9) jeweils auf einer horizontalen dargestellt; die kaudierung nach oben beziehungsweise nach unten erreicht denselben Effekt, wie die zwei Linien in NB 1 oder die Notierung der Notenköpfe oberhalb und unterhalb der Mittellinie in NB 2. Die Beispiele 8) und 9) der Tabelle sind in der Klassikerausgabe auf zwei Linien notiert (vgl. NB 1). Durch die genaue Eintragung der 'D', 'T', 't', 'k' und so weiter, ist in der Tabelle in allen Einzelheiten derselbe Sachverhalt dargestellt, wie in der Klassikerausgabe. Das trifft gleichermaißen für die Beispiele 2) bis 7) (von Thibaut und Yekta) in der Tabelle zu. Im Original sind diese nur durch die Vorzeichnung 14/4, 14/2, 28/4, durch entsprechend zueinander in Relation stehenden Notenwertern und durch die darübergesetzten ausgeschriebenen oder abgekürzten Bezeichnungen mitgeteilt. Notenbeispiel 3 gibt einige Beispiele des Devri kebir in dieser Notation wieder: (5)
 
Notenbeispiel 3
 
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