Jazz als Globalkultur

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von dr. memo g. schachiner
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start: 10 mai 2004, up-date: 10 mai 2005
 
Modern Jazz
Jazz war bereits alseine eigene Musikkultur weltweit anerkannt und hatte in einer sehr kurzen Zeit fast soviele stilistische Epochen durchgemacht wie die europäische Kunstmusik im Laufe vieler Jahrhunderte.
Jazz war volkommen selbsständig. Es stand nichts mehr dagegen, dass der Jazz sich so weiterentwickelte, wie es sich seine anerkannten Komponisten/ Musiker vorstellten.
 
Die Entwicklungen in den 40´er Jahren lösten die Jazzharmonik endgültig von der Funktionalität der tonalen Harmonik ab und öffneten das Tor für jegliche weitere stilistische oder individuelle Erneuerungen.
"Nachdem die rhythmischen und harmonischen Ausdrucksmöglichkeiten des Swing- Jazz erschöpft zu sein schienen, entstand 1941-42 unter jungen farbigen Musikern in New York der Modern- Jazz (Modern- Jazz gilt hier als übergeordneter Begriff für alle modernen Jazz-Stile).
Allen voran gaben der Trompeter John »Dizzy« Gillespie und der Altsaxophonist Charlie »Bird« Parker der neuen Jazzart ihre schöpferischen Impulse." Bohländer, 1960, S. 49, B566B
Bebop
"Billy Eckstine, dessen Band Gillespie und Parker 1944 angehörten, meint:
»Bird war der erste, der modernen Jazz wirklich gespielt hat. Dies Verdienst kommt ihm zu, und zwar ihm mehr als jedem anderen. Aber Dizzy war der erste, der den modernen Jazz in ein System gebracht hat. Und das ist sein Verdienst«. Kenny Clarke, ein Pionier des Bebop-Schlagzeugs, sagte, daß Gillespie von allen Musikern jener Zeit der modernste und fortschrittlichste war (Shapiro/Hentoff).
In den Nächten jener Jahre, in denen Gillespie und Parker mit Thelonious Monk, Bud Powell p; Charlie Christian g, Kenny Clarke dm, Nick Fenton b, Joe Guy tp, Oscar Pettiford b und anderen in »Minton's Playhouse« an der 118. Straße zusammentrafen, entwickelte sich eine Spielweise, die die wesentlichste Veränderung des Jazz seit seiner Entstehung zur Folge hatte. Neben den harmonischen bzw. melodischen Neuerungen gab vor allem der »AchtelnotenBeat« dem Bebop (Rebop) oder Bop, wie der erste Stil des modernen Jazz genannt wird, sein Gepräge.
Bei der Beurteilung der Jazzarten nach rhythmischen Kennzeichen, die sie nicht gemeinsam haben, lassen sich eigentlich nur zwei unterscheiden: der alte und der moderne Jazz." Bohländer, 1960, S. 49, B566B
Die neue Jazzharmonik
"Die Beziehung der Akkorde wird von denjenigen Unterteilungsmotiven beeinflußt, die für die betreffende Jazzart vorherrschend sind. Im alten Jazz basiert das harmonische Geschehen vor allem auf Akkorden, deren Grundtöne auf den Stufen der vorgezeichneten Tonleiter, bzw. Tonart stehen und meistens nicht alteriert sind. Charlie Parker erzählt: »Mir waren die stereotypen Harmonien, die damals von jedermann gebraucht wurden, im Laufe der Zeit immer langweiliger geworden. Ich dachte ständig darüber nach, daß es noch was anderes geben müßte. Manchmal konnte ich es hören, aber ich konnte es nicht spielen« (Shapiro/ Hentoff).
Im modernen Jazz gehen die Harmonien in ihrer Beziehung zur vorgezeichneten Tonart über die engere Akkordverwandtschaft hinaus, wie in Lady Bird:" Bohländer, 1960, S. 53, B566B
"Doch gab es bereits früher Harmoniewendungen, die von dem gewöhnlichen Schema abwichen, z. B. in Sophisticated Lady, How High The Moon, All The Things You Are oder im Mittelteil von Cherokee.
Ferner kam die Alteration der Akkorde hinzu.
Bird erzählt weiter: « Ja, und in dieser Nacht nahm ich mir Cherokee vor. Während ich improvisierte, merkte ich, daß ich all das, was ich die ganze Zeit in mir gehört hatte, plötzlich auch spielen konnte, wenn ich die höheren Intervalle der Akkorde als Melodielinie benutzte und neue, davon abgeleitete Akkordfolgen darunter legte.«
Typisch für den Bebop ist die übermäßige Undezime (11#), die den Dumonakkord erweitert. Kommt noch die große Terzdezime (13) hinzu, so zeigt sich deutlich die im Modem-Jazz übliche Obereinanderschichtung unterschiedlicher Klänge: c - e - g - b /d - fis - a. Innerhalb der Melodie tritt der Akkordton der übermäßigen Undezime, der enharmonisch verwechselt mit der verminderten Duodezime (12b) identisch ist, als Melodieton der verminderten Quinte (5b) häufig an die Stelle der reinen Quinte, wie es besonders in Swedish Pastry, einer Schallplatten-Aufnahme mit Stan Hasselgard cl, auffällt. Hieraus erhellt, daß verminderte Quinte und Blue Note der erniedrigten 5. Stufe, die es schon im alten Jazz gab, ihrer Bedeutung nach gänzlich verschiedene Intervalle sind.
Vor dem Modem-Jazz wurde die verminderte Quinte gelegentlich als Intervall zqr Alterierung von Dominantseptakkorden verwendet, so in Irving Berlins Cheek To Cheek (siebenter Takt des Hauptthemas, C-Dur: E-7), trat jedoch in der Melodie noch nicht weiter in Erscheinung.
Die Blue Note der erniedrigten 5. Stufe, die sich - wie erwähnt - von der verminderten Akkordquinte unterscheidet und nur bei tonischen Akkorden mit ihr zusammenfällt, wird ebenfalls häufiger verwendet als in den vorhergehenden Jazzarten. Durch neue Melodiewendungen veränderte man die funktionale Bedeutung von Akkorden. Bisher wurden Moll- und Durseptakkord, in der Aufeinanderfolge, wie sie beispielsweise in den ersten vier Takten von Honeysuckle Rose vorkommt, lediglich als Akkorde der 11. und V. Stufe der Durtonleiter aufgefaßt. Ist die Melodie dagegen aber so angelegt wie in Lover Man, erhält der Mollseptakkord die Bedeutung der Dominante, und der Durseptakkord fungiert als Tonika, wobei die kleine Septime als Blue Note gehört wird." Bohländer, 1960, S. 54, B566B
Jazz als Globalkultur
Weder die Entwicklung des Jazz, noch deren Harmonik war mit dem Bebop beendet.
In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Jazz eine universälle Musikkultur.
Jazz wurde vor der "Pop- Music" global.
Nicht zuletzt durch die USA- Besatzungsmacht wuchs in Europa knapp nach dem 2. Weltkrieg eine Jazzmusikergeneration heran.
 
Bereits am Anfang des vorigen Jahrhunderts wurden die europäischen Kunstmusikkomponisten auf den Jazz aufmerksam.
Bald wurden die kanonisierten Werke der europäischen Kunstmusik in das Jazzrepertoire aufgenommen.
Weltweit integrierten die einheimischen JazzmusikerInnen ihre eigenen Volksmusiken in das Jazzrepertoire. Es enstand der Begriff "Ethno- Jazz.
USA Jazzkomponisten nahmen die Rhythmen und Melodien der weltweit verschiedenen Volksmusiken in ihre Werke auf.
Dieselben griffen in den 60´er Jahren auch die pentatonischen und heptatonischen Skalen der aussereuropäischen Musikkulturen auf.
 
Nicht zuletzt begann der Jazz mit den neuen populären Musikstilen des modernen Afrika zu korrespondieren.
Zugleich korrespondierte die Jazzmusik auch mit den USA- Populärmusikkulturen.
Die sich von der tonalen Tradition loslösende europäische "zeitgenössische" Kunstmusik interessierte sich vor allem für die Instrumentation und Improvisation des Jazz.
Wiederum wurden die Jazzkomponisten von den Kompositionstechniken der "zeitgenössichen Musik" beiinflußt.
 
Heute existieren unter dem Begriff Jazz sehr viele Stile nebeneinander. Öfters werden die Grenzen der Stile unter "Cross Over" aufgelöst.
Wenn wir die früheren Stile ausser Acht lassen, können wir heute kaum von einer "Jazzharmonik" als "solcher" sprechen.
In der heutigen Jazzpraxis verwirklicht jede Formation ihre Vorstellung von "einer" Jazzharmonik.
 
Harmonik und die Notation
 
Weder die frühen Polyphonien noch die tonale Harmonik Europa´s waren ohne die Notenschrift denkbar.
Die europäische Musik und ihre Notation beeinflußten die Entwicklung von einander gegenseitig.
Jetzt werfen wir einen kurzen Blick auf die Jazznotation.
Ragtime Notationen sind Klavierpartituren nach europäischem Vorbild.
Blues Komponisten schrieben keine Noten. Blues wurde mündlich verbreitet/ überliefert.
Manche frühen Blueskompositionen wurden später auf Grund der historischen Tondokumente transkripiert.
 
Diese Notationen sind mit den Liedform- Notationen der europäischen Musik optisch sehr verwandt.
Oben eine Gesangslinie, darunter Klavierpartitur mit zwei zusammengeklammerten Systemen.
Einziger Unterschied zu der europäischen Liednotation sind hier die ganz oben, über den Notensystemen angeführten Gitarrentabulaturen.
 
Auch die nicht- Blues Formen des frühen Jazz wurden in der gleichen Weise notiert.
Cpoyright per 1926 von ebenso notierten "Sugar Foot Stomp" von Joseph "King" Oliver gehört Edwin. H. Morris & Company. Hansen, 1973, S. 2, A2423N
 
In der Ausgabe 1975 von "Glenn Miller" sind die Werke wieder in der europäischen Liednotation, mit einem Gesang und darunter zwei Systemen der Klavierpartitur notiert. EMI, 1975, A2424N
Diesmal keine Gitarrentabulatur.
Dafür aber unter der Klavierpartitur angegebene Jazzakkordsymbole.
Obwohl die Copywrightangaben mit dem Jahr 1922 beginnen, sind die Notationen ab 1938 umgearbeitet.
Das Arrangement stellte aber auch an die Musiker bestimmte Anforderungen, die vor der Entstehung der Jazzorchester kaum möglich gewesen wären. Zwar hat es mitunter schon früher Arrangements gegeben, doch diese bestanden in der Regel nur aus Absprachen, sogenannten »head-arrangements«, wie die Musiker sagen, und durften folglich nicht kompliziert sein. Eine notenschriftliche Festlegung hätte keinen Sinn gehabt, da damals viele Jazzmusiker keine Noten lesen konnten. Zu bedenken ist, daß die meisten Farbigen aus wirtschaftlichen Gründen keinen Unterricht nehmen konnten, sich also die technischen Kenntnisse nur auf Grund des musikalischen Talentes aneigneten, wozu ihre Jazzbesessenheit die Triebfeder war. Bohländer, 1960, S. 40- 41, B566B
Big Bands der Swing Ära wurden "dirigiert" .
Also kommen Band Leader ohne Orchesterpartitionen nach europäischem Vorbild nicht aus.
In den 80´er Jahren arrangierte ich derartige Notationen für meine 18- köpfige Big Band "Sabotage Cooperation" als Partitionen mit kleinen Abweichungen nach dem Vorbild europäischer Orchesterpartitionen.
 
Lead Sheet
Zugrunde liegt dem Spiel über changes ein Thema, das meist aus einer (eventuell mit Text versehenen) Melodie und begleitenden Akkorden besteht. Jazzmusiker notieren gewöhnlich alle für die Aufführung eines Stückes notwendigen Angaben auf lead sheets, auf denen außer der Melodie und den in einer Kurzschrift mitgeteilten Akkorden auch noch Einleitungen und Schlüsse, zweite Stimmen, kurze Hinweise für die Rhythmusgruppe (breaks, kicks u. ä.) stehen können (s. Beispiele in Kap. XI). Burbat, 1988, S. 9, B565B
Ein "lead sheet" besteht aus einem einstimmig ausgefüllten "melody" Notensystem, darauf als Buchstaben- und Ziffernformeln angegebenen "changes" und darunter geschriebenen "lyrics".
 
Leider konnte ich bis jetzt nicht eruieren, wann die Lead Sheets- Notation begann.
Ich vermute deren Beginn als "spätestens Bebop".
Für den "I´ll take romance" von Ben Oakland hat die Copyright Irving Berlin per 1937. Sher, 1975, S. 151, A2425N
Für "Anthropology" von Charlie Parker und Dizzy Gillespie hat die Rechte Consolidated Music Publishers, aber in einer bereits 1946 "renewed" Version. Sher, 1975, S. 11, A2425N
"Eine ganze Sammlung solcher lead sheets nennt man fake book (deutsch »falsches Buch«: damit wird auf die Tatsache angespielt, daß fake books oft Raubdrucke sind, für die keine Tantiemen an Texter, Komponisten und Verleger gezahlt werden; das zur Zeit am weitesten verbreitete fake book heißt ironischerweise »Real Book»." Burbat, 1988, S. 9, B565B
In den 70´er Jahren war "The World´s Greatest Fake Book" also "the old" Real Book weltweit sehr verbreitet.
1988 erschien "New Real Book".
Im "New Real Book" sind allein auf dem Grundton "C" bezogen 78 verschiedene "Chances" als "häufigste Changes Muster in diesem Buch" angeführt. Sher, 1975, S. VI, A2425N
 
Mittlerweile können wir die "häufigsten" changes nicht mehr aufzählen.
Die Jazznotation, beginnend auf dem Vorbild der europäischen Notation, hat sich verselbstständigt.
Sie ist weder optisch, noch inhaltlich ident mit der europäischen Notation.
Zusammenfassung
 
Hat der Jazz seine Harmonik von der europäischen Kunstmusik übernommen?
Ja!
Ist die Harmonik des Jazz mit der funktionalen Harmonik der europäischen tonalen Musik identisch?
Nein!
Wenn wir ihre Spitzfindigkeiten ausser Acht lassen, können wir die beiden am Anfang dieser Studie erwähnten Thesen, samt ihren Varianten, integrieren.
In den Vorstufen des Jazz übernahmen die Afro- Amerikaner die funktionelle Harmonik der europäischen tonalen Musik.
Sie wandelten diese Harmonik bereits bei ihre Übernahme um: Hier spielten die Extensionen der verschiedenenen afrikanischen sowie angel- sächsischen Volksmusiken sowie die "unsaubere Nachahmung" eine Rolle.
 
Weiterhin müssen wir auch die sozio-ökonomische und daraus resultierende kulturelle Entwicklung Amerikas, sowie das "Zufall-Prinzip" als wichtige Faktoren berücksichtigen, um die Entstehung der Jazz- Harmonik zu verstehen.
 
Ab den 20´er Jahren begann sich die Jazzharmonik, noch immer bezogen auf die Funktionalität der tonalen Harmonik, auf verschiedenen Etappen bewußt an die Entwicklung des Jazz anzupassen.
 
Ab den 40´er Jahren erklärt sich die Jazzharmonik als selbstständig und fühlt sich nicht mehr verpflichtet, auf die Funktionalität der tonalen Musik Bezug zu nehmen.
 
Erster Bruch des Jazz mit dem europäischen Erbe war die Unabhängigkeitserklärung als USA- Identitätsfaktor.
Danach hat sich der Jazz als eine globale Musikkultur von den USA -zumindest in der Praxis- distanziert.
Heute beherbergt der Jazz unzählig viele Stile, die nicht mehr unbedingt miteinander korrespondieren müssen.
In der heutigen Jazzpraxis und Notation sind, falls überhaupt vorhanden, die Bezüge zur tonalen Harmonik sowohl auditiv, als auch optisch, kaum zu wahrzunehmen.